Nie wieder Faschismus! 11. Gedenkmarsch an die Opfer der Todesmärsche
Am 2. Mai versammleten sich wieder Menschen ganz unterschiedlichen Alters und Hintergrunds um einen Teil der Todesmärsche nachzuvollziehen, die im Frühjahr 1945 auch von Leipzig aus starteten. Ziel war es an das Leiden der Zwangsarbeiter/-innen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, die damals vollkommen erschöpft durchs Land getrieben wurden, zu erinnern und denen zu gedenken, die einfach von SS-Wachleuten erschossen und liegen gelassen wurden.
Daniela Kolbe beteiligte sich erneut an dem Gedenkmarsch und hielt an einem ehemaligen Leipziger Außenlager des KZ Buchenwald ein Geleitwort, das Sie hier nachlesen können:
Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 10. Ostermarsch, der in Leipzig startet,
ich möchte meinen Redebeitrag dazu nutzen allen Organisatorinnen und Organisatoren und Teilnehmer/-innen zu danken.
Durch solche Veranstaltungen wird das Unvorstellbare, das im Nationalsozialismus passierte, greifbar und deutlich. Diese unglaubliche Abwertung von Menschen, ihre Ausbeutung als Zwangsarbeiter/-innen, die Verschleppung, die Angst, die Kälte und der Hunger und die systematischer Ermordung, durch Arbeit, Unterernährung, Gewalt bis hin zu den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor, Madjanek, Belzek. Ich danke den Veranstaltern, dass sie uns das mit diesem Gedenkmarsch wieder so unmittelbar vor Augen führen, es für uns spürbar machen. Denn es ist hier mitten unter uns passiert, es betraf Menschen, die unter uns gelebt haben. Täter, wie Opfer kamen aus dieser Stadt. Sich das immer wieder zu vergegenwärtigen ist unglaublich wichtig. Um den Opfern ihre Würde zurück zu geben, um das Thema in der Gesellschaft wach zu halten, die Frage nach dem „Wie konnte das passieren?“ immer wieder zu stellen und nicht zuletzt, um die Kraft zu finden den Nazis von heute mit aller Entschlossenheit entgegen zu treten.Dieses Erinnern hinterlässt Spuren in unserer Stadt. Stolpersteine und Wegezeichen, und das ist gut so.
Eine der wichtigsten Punkte in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist aus meiner Sicht die Auseinandersetzung mit dem Individuum. Mit dem Schicksal einzelner konkreter Menschen. Ich halte das für eine der sinnvollsten Herangehensweisen, um der Entmenschlichung, die die Nazis betrieben haben, Humanismus und Empathie entgegen zu setzen. Besonders beeindruckt hat mich zum Beispiel das Buch des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész „Roman eines Schicksallosen“. Das Buch erzählt, aufbauend auf seinen eigenen Erlebnissen, das Schicksal eines 14-jährigen ungarischen Jungen. Dieser wird nach Auschwitz-Birkenau verschleppt, kommt über Buchenwald in ein Außenlager bei Zeitz und wird letztendlich in Buchenwald durch die Selbstbefreiuung dem sicheren Tod entrissen. Während des ganzen Buches schaut man einem staunenden Kind über die Schulter und blickt direkt und naiv mitten ins Auge des Bösen. Man sieht und spürt die Angst, den Hunger, den Lebensmut, den Kampf die eigene Würde zu bewahren und die Verzweiflung. Ich finde viele Kinder und Schüler, nicht nur in Thüringen, sondern auch in Sachsen sollten das Buch lesen.
Der Junge im Roman wird natürlich in Zügen von Leidensort zu Leidensort transportiert. Wir wissen, ohne tausende Mitwisser und vor allem ohne die Reichsbahn wäre dieses Massenmorden nicht möglich gewesen. Ich danke deshalb insbesondere diejenigen, die mit der Aktion Koffer immer wieder auf den Umstand hinweisen, dass es sich um Menschen aus unserer Mitte gehandelt hat, die da verschleppt wurden und dass auch die Reichsbahn und ihr Rechtsnachfolger die Deutsche Bahn AG in diese Verbrechen verstrickt waren. Ich wünsche deshalb der Initiative, die eine Gedenktafel oder noch besser ein Denkmal am Leipziger Hauptbahnhof im Gedenken an diese Deportierten Menschen aufstellen will, alles Gute und möchte meine Unterstützung mehr als deutlich machen. Und ich wünsche diesem Gedenkmarsch 2010 ein gutes und würdiges Gelingen.
